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Bahnhof Wintermoor im Frühling 1945


Zeugenaussagen mit vielen Details. Leiden und Sterben von zwei Seiten betrachtet.


Pierre Brunet

... Diejenigen, die noch ein ausreichendes Zeitgefühl behalten haben, schätzen, dass wir den 10. April haben, als der Zug an einem kleinen Bahnhof anhält, den ein Schild als Wintermoor ausweist. Dieser Aufenthalt ist so lang (ungefähr 24 Stunden), dass einige auf die Idee kommen, ein Entkommen aus ihrem rollenden Gefängnis zu versuchen.
Der Bahnhof Wintermoor heute
Der Bahnhof Wintermoor heute

Aber wir werden ein anderes Drama erleben. Ein englisches Flugzeug, das diesen Zug für einen Truppentransport hält, bestreicht den Zug auf ganzer Länge mit Maschinengewehrfeuer. Es gibt weitere Tote nach so vielen anderen. Unsere Wächter verließen voller Schrecken ihre Posten, um im Bahnhof oder im nahen Dickicht Deckung zu suchen. Einige Häftlinge nutzen die Panik aus, sammeln ihre letzten Kräfte, um die Flucht zu versuchen, und auch sie verschwinden ins Dickicht. Aber die Posten haben sich wieder gefangen und eröffnen das Feuer auf sie. Nach der Befreiung wird man die Spur von keinem unserer französischen Kameraden finden, die versucht haben zu fliehen.
Der Zug fährt nicht weiter, der Weg nach Süden ist abgeschnitten. Wir werden niemals die "Verfaulanstalt" von Bergen-Belsen erreichen. Wir haben inzwischen den 12. April. Vor fünf Tagen und sechs Nächten haben wir Bremen verlassen. (Vermutlich kam dieser Transport aus Bremen-Farge, wo die Häftlinge zum Bau eines riesigen U-Boot-Bunkers gezwungen worden waren, d.V.) Während dieser Albtraumfahrt erfuhren wir nur eine Geste relativer Menschlichkeit. Auch die Kapos und die Posten, die normalerweise gut verpflegt wurden, hatten nichts zu essen bekommen, und sie hatten nicht unser Training in Entbehrungen. Auch in Wintermoor organisierten sie Kartoffeln auf einem benachbarten Bauernhof und gaben auch ihren Gefangenen etwas ab... ¤


Zeugin Mn.


Blick in Richtung des ehemaligen Massengrabes auf dem Damm des "Ententeiches"
Blick in Richtung des ehemaligen Massengrabes auf dem Damm des "Ententeiches"

... Im März wurde uns aus Richtung Soltau ein Sonderzug angekündigt, den man auf einem Nebengleis im Bahnhofsbereich abstellte. Der Zug bestand aus offenen Waggons, in denen KZ-Häftlinge transportiert wurden. Einige waren schon beim Einlaufen des Zuges tot, und fortwährend starben weitere Häftlinge. Viele waren völlig entkräftet vor Hunger und litten an Durchfall.
Die Häftlinge konnten zwar aussteigen, doch wurde das gesamte Bahnhofsgelände bewacht. Dennoch gelang es einigen KZ-lern, Nahrung zu besorgen. Bei uns klopften zwei an die Tür, und sie bekamen daraufhin ein Esspaket mit. Bei einem Nachbarn brach einer der Zuginsassen in den Hühnerstall ein, riss einer Henne den Kopf ab und aß sie roh auf... ¤


Zeugin R.

Soweit ich noch weiß, haben im Frühjahr 1945 nacheinander zwei Züge mit KZ-Häftlingen auf dem Wintermoorer Bahnhof Halt gemacht. Aus dem ersten Zug konnten anscheinend die Häftlinge aussteigen. Nachbarn entdeckten einen Zuginsassen, der sich bei ihnen in einem Graben versteckt hatte. Da sie zu der Zeit eine Fremdarbeiterin aus Russland hatten, konnte sich diese Arbeiterin mit ihm - offenbar auch ein Russe - unterhalten. Er zeigte ihr ein dick angeschwollenes, entzündetes Bein, das offensichtlich trotz der Verletzungen nicht behandelt worden war, und sagte dazu, dass er sich diese Blessuren in einem Steinbruch zugezogen habe, weil immer wieder Steine auf sein Bein gefallen seien.


Ein zweiter Zug

An einen zweiten Zug kann ich mich besser erinnern. Da mein Onkel auf dem Bahnhof tätig war, erfuhren wir von ihm, dass ein KZ-Zug zum Einlaufen angekündigt worden war. Dieser Zug fuhr jedoch bis Schneverdingen oder Wolterdingen durch. Weil jedoch bis Wolterdingen hin die Bahnhöfe bereits mit Zügen vollstanden, lief kurz danach tatsächlich ein weiterer KZ-Zug ein, der in der Nähe einiger Munitionswaggons abgestellt wurde. Auch dieser Zug wurde meinem Onkel mit dem Zusatz angekündigt, dass in zwei Wagen nur Tote - an die sechzig - lägen.
Spät am Abend - es mag gegen halb elf gewesen sein - wurde das Bahnhofsgelände von einem Flugzeug beschossen oder bombardiert. Wahrscheinlich hatten die Engländer die Munitionsverladestelle entdeckt. Der Angriff hatte eine so verheerende Wirkung, dass alle Munitionswaggons explodierten.
Am nächsten Morgen erzählte man sich, dass bei dem nächtlichen Angriff einige Häftlinge ums Leben gekommen seien. Einige konnten entkommen und versteckten sich in den umliegenden Häusern und Scheunen. Bei uns hatten sich zwei Häftlinge im Schuppen verborgen.
Ich wußte nicht, was zu tun sei, und gab deshalb unserem damaligen Ortsgruppenleiter Bescheid. Dieser benachrichtigte zwei Wachposten, die am Bahnhof Wache schoben. Sie kamen sofort zu uns und beförderten aus einem Strohhaufen die beiden Häftlinge ans Licht. Außerdem fanden sie einen Eimer Stampfkartoffeln und einige Sellerieknollen, die die beiden auf der Suche nach Verpflegung auf den Strohschober mitgenommen hatten. Die beiden KZ-Häftlinge wurden noch in der Scheune und auch auf dem Weg zum Zug mit Gewehrkolben traktiert. Ich weiß noch genau, wie einer der Wachposten zum anderen sagte: "Schlage sie nicht zu sehr, sonst müssen wir sie noch zum Bahnhof tragen."

Luftaufnahme des Bahnhofs Wintermoor am 9.4 1945 - einige Stunden vor dem Luftangriff © British Crown copyright 1991/MOD Luftaufnahme vom 19.4.1945 nach den Angriff und der Explosion © British Crown copyright 1991/MOD
Luftaufnahme des Bahnhofs Wintermoor am 9.4 1945 - einige Stunden vor dem Luftangriff © British Crown copyright 1991/MOD Luftaufnahme vom 19.4.1945 nach den Angriff und der Explosion © British Crown copyright 1991/MOD
  


Erschießungen

Nach der Ankunft am Zug wurden die beiden erschossen und zu den vielen anderen Toten aus dem Transport in eine flache Grube neben dem sogenannten Ententeich am Bahndamm geworfen. Die SS-Wachposten hatten die Grube nach dem Einlaufen des Zuges zusammen mit den Häftlingen, die noch kräftig genug waren, ausgehoben und alle Toten darin nur notdürftig verscharrt. Nach dem Einmarsch der Engländer mussten auf ihre Anweisung hin Männer aus Wintermoor die Leichen bergen und einsargen. Da wir in Wintermoor nicht genug Holz für die einfach gezimmerten und wie große Kisten aussehenden Särge hatten, wurden auch aus Schneverdingen zwei oder drei Fuhrwerke mit Särgen herbeigeschafft.
Grabstein auf dem Friedhof Wintermoor
Grabstein auf dem Friedhof Wintermoor

An die 150 Stück kamen so zusammen.
Von den KZs haben wir bis zu den Zwischenfällen mit den beiden Zügen nichts gewusst. Dass die Schrecken dieses Ausmaß annahmen, konnten wir uns überhaupt nicht vorstellen. Hätte ich schon vorher erfahren, welche Not diese armen Menschen zu leiden hatten, wäre der Ortsgruppenleiter sicher nicht informiert worden... ¤


Zeugin Me.

Da unser Haus direkt neben der Bahn steht, konnten wir ziemlich genau die Ereignisse um einen KZ-Zug aus geschlossenen Güterwaggons verfolgen, der am Sonntag, den 8. April 1945 gegen 15 Uhr auf ein Abstellgleis geschoben wurde.


Spaten und Schaufel

Einige SS-Leute baten am Nachmittag bei uns um alle verfügbaren Spaten und Schaufeln. Sie wollten die im Zug liegenden Toten begraben. Von dort ging ein ziemlicher Gestank aus; richtig fassungslos wurden wir aber, als wir hörten, dass man 59 Tote zu beerdigen habe. In der Nacht war an Schlaf kaum zu denken, weil am Bahndamm laufend geschossen wurde.
Am Morgen kamen wieder einige Bewacher, um für sich etwas Essen zu erbitten. Auch die ersten Gefangenen hatten den Zug verlassen und wühlten auf dem Acker neben unserem Hofgelände eine Rübenmiete auf. Mein Vater veranlasste, dass die Milch, die bereits an der Straße stand, zurückgeholt wurde. In der Waschküche erhitzten wir die Milch, verdünnten sie etwas mit Wasser und fügten noch Mehl hinzu. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich auch einige weibliche Aufsichtspersonen in der Küche. Eine von ihnen hatte einen Riegel Margarine bei sich, den ich ihr abnahm und in die Milchsuppe legte.
Das Elend der KZ-Häftlinge war so groß, dass wir uns entschlossen, noch mehr für sie zu tun. Den ganzen Vormittag über kochten wir insgesamt fünf große Kessel voll Kartoffeln; zu jeder Füllung wurden ungefähr eineinhalb Zentner gebraucht. Heißhungrig verschlangen diese armen ausgemergelten Menschen die Kartoffeln, oft ohne die Pelle zu entfernen. Einige machten sich jedoch die Mühe, und ich habe noch das Bild eines Häftlings vor mir, der auf dem Fußboden vor sich einen Berg Kartoffelschalen liegen hatte.
Im Laufe des Vormittags ergab sich auch die Gelegenheit zu einigen Gesprächen. Dabei stellte sich heraus, dass der Transport, obwohl aus Richtung Buchholz kommend, in Nordhausen auf die Reise gegangen war. Einige Wachtposten hatten große Angst und fragten immer wieder, wie weit die Front noch entfernt sei. Unter den SS-Leuten war ein Pastorensohn, der mir deswegen auffiel, weil ihm die ganze Situation offensichtlich ziemlich naheging.

Nordhausen

Die Häftlinge waren bunt zusammengewürfelt: Unter ihnen befanden sich Franzosen und Holländer, aber auch Deutsche, unter anderem aus Schlesien und Trier. Gut kann ich mich noch an einen holländischen Medizinstudenten erinnern: Er lehnte am Heizkessel und war ziemlich groß und dürr. Unter den Franzosen befanden sich einige Ärzte. Der Franzose Corti (oder so ähnlich), ein Parfümfabrikant, war so überwältigt von dieser Hilfsaktion, dass er zusammen mit einigen Mithäftlingen meinem Vater ein Schreiben übergab, in dem sie versicherten, dass sie bei uns gut behandelt und verpflegt worden seien. Dieses Schriftstück händigte Vater nach der Besetzung im Sommer einem englischen Militärpolizisten aus, ohne dass es danach wieder zurückgegeben wurde.
Gegen 13.30 Uhr setzte sich der Zug am 9. April 1945 wieder in Richtung Soltau in Bewegung.

ANZEIGE UND ERMITTLUNGSVERFAHREN


Wegen der Vorfälle entlang der Heidebahn im Zusammenhang mit KZ-Transporten wurden von den Engländern Untersuchungen eingeleitet. Im Falle Handeloh liegt uns auch ein Abschlußbericht vor ¤. Er ist jedoch sehr allgemein gehalten. Offenkundig ist, dass die beauftragten Offiziere oder Kommissionen nicht das Ziel hatten, einzelne Todesfälle aufzuklären oder Mitglieder der Wachmannschaften dingfest zu machen, sondern eher um eine generelle Schilderung der Situation auf den Bahnhöfen bemüht waren. Später fanden einige Verfahren vor deutschen Gerichten statt, so beispielsweise vor dem Landgericht Itzehoe gegen den Transportführer Kleemann wegen Tötungsdelikten, unter anderem in Handeloh ¤. Ebenso hatten die Ereignisse in Soltau ein gerichtliches Nachspiel. ¤ Auch aus Wintermoor berichtet der ehemalige Häftling G. Fuchs von einem "ziel- und wahllosen Feuer auf die Umstehenden", und Frau R. hat miterlebt, wie zwei entlaufene und wieder eingefangene Häftlinge vor ihren Augen am Bahndamm erschossen wurden. Die Zeugin Me. spricht von dauernden Schüssen in der Nacht.
Zu vermuten wäre eigentlich, dass wegen dieser Erschießungen in Wintermoor auch Ermittlungen hätten angestellt werden müssen. Nichts dergleichen ist nach unserem heutigen Wissensstand geschehen. Ein Verfahren kam allerdings wegen einer anderen Anschuldigung in Gang: Am 8. Januar 1948 erstattete das Komitee ehemaliger politischer Gefangener Hamburg (VVN) eine Anzeige mit dem Vorwurf, dass Häftlinge aus den Waggons geholt und ihnen anschließend von SS-Bewachern mit schweren eisernen Keulen die Köpfe zertrümmert worden seien. Die wegen der Anzeige angelegte Ermittlungsakte enthält die Aussage mehrerer Anlieger, ehemaliger Häftlinge und zweier ehemaliger Lagerärzte.
Ihr Inhalt läßt sich wie folgt zusammenfassen: Der betreffende in Wintermoor am 8. April 1945 angekommene Zug war sehr lang und transportierte etwa 4000 Häftlinge. Er war in Nordhausen zusammengestellt worden; zum Transport gehörten etwa tausend Lazarettinsassen vom Außenkommando Harzungen. Die Kranken wurden in offenen Kohlewaggons untergebracht. Da es während der vier bis fünf Tage dauernden Fahrt kein Wasser und keine Verpflegung gab, starben fortwährend kranke Häftlinge. Die Leichen wurden in zwei Waggons geworfen, die bei der Ankunft in Wintermoor bis oben gefüllt waren. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Toten in der Nähe des jenseits der Mühle liegenden Bahndammes in einem Massengrab beerdigt. Nachdem die Häftlinge in der Mühle verpflegt worden waren, startete der Zug am Mittag des 9. April 1945 in Richtung Bergen-Belsen, wo er ohne weiteren Aufenthalt auch eintraf. Sein ursprüngliches Ziel war Neuengamme gewesen; wegen der Überfüllung dieses Lagers war er aber weitergeschickt worden. Bis zum 10. April 1945 liefen noch weitere Transporte, teilweise aus dem Hauptlager Dora, in Wintermoor ein. Wegen der Bombardierung des Bahnhofes wurde der letzte eintreffende Zug wieder zurückgeleitet. Von den Zeugen wird übereinstimmend betont, dass sie von Erschlagungen nichts bemerkt hätten; allerdings sei ein Häftling erschossen worden, weil er sich zu weit von der Postenkette entfernt hatte. Das Verfahren wird im Jahre 1949 ohne Anklage eingestellt, da sich der in der Anzeige erhobene Vorwurf nicht erhärten ließ ¤. Es gibt keinen Hinweis, dass auch wegen der in dem Verfahren angesprochenen Erschießung ermittelt worden wäre...

Der Transport vom KZ Dora-Mittelbau (Nordhausen) nach Bergen-Belsen:

Fünf Tage und vier Nächte in Regen und Kälte. Wir waren hundert im Waggon, ohne Dach, ohne Nahrung, ohne Wasser und fast ohne Kleidung

April 1945
Der Transport vom KZ Dora-Mittelbau (Nordhausen) nach Bergen-Belsen


Explosion

Am Nachmittag desselben Tages traf ein weiterer Zug ein, diesmal jedoch aus Süden. Er bestand aus teilweise offenen, teilweise geschlossenen Güterwaggons und hielt im unmittelbaren Bahnhofsbereich.
Zu diesem Zeitpunkt waren gerade auch insgesamt 600 Zentner Munition auf zwei Güterwaggons verladen worden. Nachts wurde der Bahnhof angegriffen. Durch die heftigen Explosionen sollen einige Häftlinge umgekommen und verletzt worden sein. Einige haben auch versucht zu fliehen.
Der Zug fuhr im Laufe des Vormittags am 10. April 1945 in Richtung Buchholz los und soll noch längere Zeit auf freier Strecke zwischen Handeloh und Wintermoor gehalten haben. Wenn ich mich recht erinnere, fuhren ungefähr eine Woche lang pausenlos Züge durch unseren Bahnhof, von denen sicher auch viele KZ-Häftlinge transportierten... ¤

Ein anonym gebliebener KZ-Häftling

War Diary (Kriegstagebuch)
War Diary (Kriegstagebuch)

"Begräbnis von Leuten, die man in Massengräbern begraben hat, in der Nähe der Bahnhöfe von Wolterdingen, Schneverdingen und Wintermoor. Umbettung soll stattfinden am 27.April
Auf Anweisung der Zweiten Armee wurden dem amtierenden Landrat und Bürgermeister Befehle gegeben, tausend Einkleidungen täglich von der Bevölkerung einzusammeln und sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen zu schicken." ¤

Das Lager (Harzungen, d.V.) wurde am 4. April evakuiert. Ein Teil der Häftlinge aus Dora und Ellrich, die am Tag vorher eingetroffen waren, nahm an der Evakuierung teil.
485 Kranke aus dem Revier wurden zuerst mit Lastwagen bis Niedersachswerfen abtransportiert, von dort mit dem Zug. Der Zug fuhr zuerst über Hamburg. Er sollte nach Neuengamme, das aber überfüllt war. Der Zug hatte in Bergedorf Aufenthalt und kehrte dann um und fuhr über Hildesheim, Lüneburg, Wintermoor.
Beim Eintreffen in Bergen-Belsen am 10.04.45 waren nur noch 145 Überlebende da..." ¤

Gottlieb Fuchs

Der Schweizer Gottlieb Fuchs war längere Zeit in Frankreich als Dolmetscher für den deutschen Sicherheitsdienst (SD) tätig. Weil er Kontakte zum französischen Widerstand hatte, wurde er festgenommen und kam über das KZ Buchenwald in die Harzlager: Zunächst nach Harzungen, später nach Nordhausen.
In Harzungen diente er als Sanitäter in einer Krankenbaracke. Bemerkenswert ist, dass er - wie Zeugin Me. - in seinem Buch den Franzosen C. als einen berühmten Parfumfabrikanten und Politiker erwähnt. Auch die Augenzeugin Me. spricht von einem Parfümfabrikanten "Corti", der in Wintermoor in einem Transport aus dem Harz gesessen habe. G.Fuchs berichtet über die Fahrt in der Heidebahn: "... In Wintermoor hieß es aussteigen und die Toten begraben. Aus unserem Zug wurden hundertsechsundfünfzig Kameraden über den Bahndamm getragen und beerdigt. ( ... ) Wie kläglich es um die deutsche Westfront noch stand, das konnten wir hier erstmals so richtig erleben. Führerlose Truppenteile, Tross und zersprengte Panzerverbände eilten vor unseren Augen vorüber, ständig von Fliegem gehetzt und beschossen. ( ... )
Die SS-Manschaft aber nahm von diesen Vorgängen keine Notiz und ließ sich Zeit, uns weiterhin zu peinigen. Ein junger Pole hat nach Brot verlangt und wird mit Schlägen unter Hohngelächter abgewiesen. In seiner Erregung kehrt sich der Halbverhungerte um und ruft den SS zu: "Bald werdet ihr von den Alliierten auch als Schweine behandelt werden!"
Ein Genickschuß bringt ihn zum Schweigen.
Doch nicht genug damit. Die Bande feuert ziel- und wahllos auf die Umstehenden. Dutzende von Gefangenen sinken mit schweren Bauchschüssen zu Boden. Nachts um zehn Uhr stirbt das letzte Opfer dieses Massakers. In satanischer Weise ergötzen sich die Mörder noch am letzten im Todeskampf sich krümmenden Sterbenden." ¤
Auch Frau Me. spricht von dauernden Schüssen in der Nacht am Bahndamm...


Entdeckung und Untersuchung


Ausriß aus einem Antwortschreiben des Ehrhorner Bürgermeisters an den Kreissonderhilfsausschuß
Ausriss aus einem Antwortschreiben des Ehrhorner Bürgermeisters an den Kreissonderhilfsausschuß

Nach dem Einmarsch der Engländer wurden die Toten gegenüber von "Blanks Mühle" in unmittelbarer Nähe des Bahndamms am 26. April 1945 entdeckt. Im Kriegstagebuch einer englischen Einheit finden sich am 30. April und am 1. Mai 1945 Vermerke, dass die Untersuchungen zum aufgefundenen Massengrab fortgesetzt werden sollen. Anfang Mai 1945 erfolgte unter britischer Regie eine Beisetzung in Einzelgräbern auf dem Wintermoorer Friedhof. Die standesamtliche Beurkundung wurde erst am 15.6.1946 nachgeholt.
Nach dem Kriege wurden überall sogenannte Sonderhilfsausschüsse eingerichtet, um den KZ-Häftlingen, die nicht mehr in Wartelagern lebten, erste finanzielle Hilfen zu gewähren. Auch der Landkreis Soltau installierte einen entsprechenden Ausschuß.
In der Friedhofsakte Wintermoor ¤ findet sich eine Anfrage aus Soltau an den Bürgermeister in Ehrhom, datiert vom 22.9.1947. Hier wird um eine möglichst detaillierte Auskunft zu den Todesmärschen gebeten: Daten, Zugrichtung, Leichenfunde, Begleitumstände, Identitäten der Häftlinge. Die Antwort zu diesem Schreiben erscheint fast sensationell, denn neben bereits bekannten Sachverhalten tauchen die Nummern von 32 Häftlingen auf. Wahrscheinlich wurden sie, so weit es möglich war, während der Umbettung auf den Friedhof notiert.
Offiziellen Verlautbarungen zufolge ruhen entlang der Bahnstrecke nur unbekannte KZ-Tote.
Der Verdacht drängt sich auf, dass von allen Seiten nur oberflächlich oder nachlässig recherchiert worden ist. ¤ Ohne Zweifel steht fest, dass die in Wintermoor ruhenden Toten aus Lagern des Harzes stammen. Jetzt, mehr als vier Jahrzehnte nach ihrer Beerdigung, kann man mit Hilfe von Lagerlisten aus Buchenwald und Nordhausen immer noch die Identität vieler bestimmen.¤

Nr. 8961
Sergiej Kasatzkij
geboren am 20.7.1926
in Isikul, Sowjetunion
am 20 .1. 1945 aus Auschwitz in das Krankenlager
Boelcke-Kaserne in Nordhausen eingeliefert;
politischer Gefangener

Nr. 40659
Rene Pelat
geboren am 9.7.1905
in Domane (Frankreich)
Transport von Buchenwald
nach Dora am 10.2.1944;
Mechaniker



Nr. 60377
Emile Farezyn
geboren am 24.5 1891
in Epernay sur Seine
Transport am
28.10.1944 nach Dora;
Bauarbeiter;
politischer Gefangener


Nr. 12204
Sergiej Djakow
geboren am 23.9.1925
in Gluchow, Sowjetunion
am 13.6.1944 Zugang in
Dora aus Buchenwald
Schüler oder Arbeiter,
politischer Gefangener


Nr. 41032
Martin Dietrich
geboren am 4.1.1920
in Bremen, (staatenloser Zigeuner) eingeliefert in Buchenwald
am 17.4.1944; Transport nach Dora am 12. 5. 1944;
Arbeiter

Nr. 64243
Konstantin Bakin ?








Nr. 28331
Jakub Kucera
geboren am 23.7.1877
in Bistritz, Tschechoslowakei
eingeliefert in Buchenwald
am 3.3.1944;
Korbflechter; "arbeitsscheu"



Nr. 54337
Gilb. Vermersch (Vermeech)
geboren am 26.6.1909
in Roncel, Belgien
eingel. in Buchenwald am
22.5.1944: Transport
nach Dora am 8.6.1944
in das Außenlager Ellrich;
Kraftfahrer

Nr. 28554
Michailo Raboschuk
geboren am 9.12.1911
in Plushne, Sowjetunion
am 28.10.1944 eingeliefert
in das KZ Dora-Mittelbau;
Landarbeiter;
politischer Gefangener


Nr. 55916
Hermann Jankowics
geboren am 6.6.1899
Berg-Komles, Ungarn
eingeliefert in Buchenwald
am 24.5.1944; Transport nach
Dora am 27.5.1944; Landarbeiter; Jude


Nr. 88662
Iwan Fedosej
geboren am 3.5.1922
in Nowokosuzka, Sowjetunion
eingeliefert in Buchenwald
am 26.9.1944;
Landarbeiter,
politischer Gefangener


Nr. 73116
Michal Marczak
geboren am 26.9.1911
in Wola Mrakowska, Polen
eingeliefert in Buchenwald
am 14.8 1944;
Landwirt


Nr. 38561
Jean de Gans
geboren am 8.2.1921
in Castellare, Frankreich
eingeliefert in Buchenwald
am 16.12.1943;
Student;
politischer Gefangener


Nr. 56032
Jan Borysiewicz
geboren am 15.4.1916
in Jawor, Polen
eingeliefert in Buchenwald
am 29.5.1944;
Transport nach Dora am 13.6.1944
Heizer

Nr. 101324
Iwan Karpenko
geboren am 25.6.1927
in Pilsk (Bolak?, Sowjetunion)
Transport nach Dora am 6.12.44 aus Flossenbürg
Schießer oder Schlosser;
politischer Gefangener


Nr. 102064
Rene Hermans (Hermann)
geboren am25.4.1923
in Lier, Belgien
Transport von Buchenwald
nach Dora am 9.12.1944;
Bäcker, Dreher,
politischer Gefangener


Nr. 110389
Stanislaw Solipiwko
geboren am 10.12.1927
in Malinowice (Polen)
Transport von Groß Rosen
nach Dora am 11.2.1945
Arbeiter



Nr. 118181
Louis Lorent
geboren am 23.8.1906
in Humdin (Hundin, Frankreich)
Transport von Groß Rosen
nach Dora am 12.2.1945;
Elektriker
politischer Gefangener

Nr. 102770
Josef Schmiedt
geboren am 7.11.1914
in Gdow, Polen
Transport von Buchenwald nach Dora am 5.1.1945;
Schlosser; Jude



Nr. 115782
? Lewit
Transport von Buchenwald
nach Dora am 23.1.1945;
Jude





Nr. 104210
Petro Danil Rikjak
geboren am 13.6.1923
in Komar, Sowjetunion
Arbeiter;
politischer Gefangener




Nr. 117191
Wladimir Michasekij
(Michaschkin)

geboren am 3.5.1923
Sowjetunion
Transport von Groß Rosen
nach Dora am 12.2.1945
Schuster
politischer Gefangener

Nr. 104315
?


Transport von Lützkendorf
nach Dora am 20.1.1945;




Nr. 117768
Stanislaw Skorubaki
(Skorubaki
)
geboren am 15.4.1911
in Görlow, Polen
Transport von Groß Rosen
nach Dora am 12.2.1945;
Buchhalter


Nr. 104483
Louis Kloots
geboren am 13.4.1907
in Rotterdam, Niederlande
eingeliefert nach Dora am 20.1.1945;
Rücktransport von Langensalza am 11.2.1945;
Schlosser;
politischer Gefangener

Nr. 118006
Germain Bodart (Bedart)
geboren am 18.12.1910
in Nazaire, Frankreich
Transport von Groß Rosen
nach Dora am 12.2.1945
Koch;
politischer Gefangener


Zu den in Wintermoor notierten 32 Häftlingsnummern ließen sich für 26 Tote obige Angaben machen.
Lediglich bei den folgenden sechs Nummern waren keine Details zu erfahren:
Nr. 15749
Nr. 23157
  Nr. 103331
  Nr. 110301
  Nr. 115602
  Nr. 116075


¤


Bei der Überprüfung der Lagerlisten und Karteien in Nordhausen und Buchenwald stellte sich heraus, dass die dort vorhandenen Unterlagen unvollständig sind. Dieses hat mehrere Gründe:
In Nordhausen wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner noch viele Akten vernichtet.
Die Häftlinge aus dem KZ Buchenwald bekamen erst ab Oktober 1944 sechsstellige Registriernummern des Lagers Dora. Die vier- und fünfstelligen Nummern, in Buchenwald vergeben, wurden nach diesem Zeitpunkt parallel beibehalten.
Die kompletten Häftlingsunterlagen erhielt nach dem Kriege der Intemationale Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen. Auf mehrfache Anfragen gab es hier keine Reaktionen - selbst Gedenkstätten, so deren Mitarbeiter aus Bergen-Belsen, Dachau und Neuengamme, erhalten keine Auskunft. Allein betroffenen Angehörigen oder deren Rechtsvertretern wird geholfen. Nur - wie sollen Angehörige nachfragen können, wenn sie nicht von den Registriernummern im Schneverdinger Stadtarchiv wissen?
Das Verhalten des Suchdienstes steht hier einer sachdienlichen Aufklärung entgegen und erscheint gerade im Falle der Buchenwalder Häftlingskartei besonders fragwürdig.
Über 124 auf dem Wintermoorer Friedhof ruhende Tote gibt es zur Zeit keine Angaben. Wir wissen nur, dass auch sie Anfang April 1945 aus dem Harz evakuiert wurden. Ihre Identität lässt sich zur Zeit nicht feststellen. Für 26 der in Wintermoor beerdigten Toten steht die Identität zweifelsfrei fest.
Wie heißt es auf dem Grabstein in Wintermoor? "Hier ruhen 156 unbekannte Opfer des Dritten Reiches"...


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